Von Bickelsberg nach Monte Carlo in Argentinien Drucken E-Mail
Geschrieben von: Hermine Kipp   
Donnerstag, 21. Mai 2009 um 09:37 Uhr

Es war im Juni 1905 als in Bickelsberg den Eheleuten Martin und Ernestine Kipp wieder ein Kind geboren wurde. Ein Bub war es, der auf den Namen Christian getauft wurde. Er wie auch seine 8 Geschwister wurden schon recht früh an die Arbeit in Haus und Feld herangeführt wie es damals in den Bauernfamilien üblich war. Vater Martin Kipp übte zudem noch den Beruf des Hausmetzgers aus. Auch handelte er noch zeitweise mit Vieh. So war Mutter Ernestine, die als gütige, fleißige und intelligente Frau im Dorf beliebt und geachtet war, mit ihren Kindern oftmals gefordert. Doch der Fleiß, den die Kinder aus dem Elternhaus anerzogen bekamen, begleitete alle Geschwister durchs Leben. Sie trugen nie schwer an dieser Eigenschaft und besonders der junge Christian hat wohl nur seinem Fleiß und seiner Energie das Überleben und die Entwicklung zum „ Peso-Onkel“ der Familie zu verdanken.

Nach der Absolvierung der Schule in Bickelsberg und der Konfirmation in der ihm benachbarten Georgskirche kam Christian in die Metzgerlehre nach Rosenfeld. Wie sein Vater sollte er einmal ein tüchtiger Metzger werden, der den Familien die Schweine schlachtete und die Würste herstellte. Sein Vater, der weithin als „ Metzger- Marte“ bekannt war, wollte damit, daß Christian beruflich in seine Fußstapfen trat, um auch weiterhin ein Kapitel der Versorgung der bäuerlichen Familien zu gewährleisten. Er setzte also große Hoffnungen in seinen Christian, dessen Tüchtigkeit nie Anlass zu Zweifeln gab, bis im Hause des Meisters in Rosenfeld Diebstahlsverdachte gegen ihn aufkamen. Eine völlig neue Situation in der so rechtschaffenen Familie tat sich mit diesem Verdacht auf. Ehrlichkeit und Fleiß standen doch ganz oben an, bei den Tugenden, die im Hause des Metzger- Martes mit aller Strenge gepflegt wurden. Ein Verdacht auf Christian ?
Das ertrug der ehrenhafte und strenge Vater nicht. Er wollte seinen Sohn nicht mehr sehen, in den er so große Hoffnungen gesetzt hatte.

Christian wohnte von da an im Elternhause seiner Mutter im „ Ochsen“ in Vöhringen, bis er sich von der geliebten Heimat trennte und Kurs auf Südamerika nahm. Für Brasilien und Argentinien wurden damals deutsche Ansiedler geworben. Christian war einer von den vielen, die in den letzten Januartagen im Jahre 1924 mit dem Dampfer Villagarcia aus dem Hamburger Hafen auslief mit einigen hundert Passagieren an Bord. Unterschiedliche Motive veranlassten diese Menschen einen anderen Erdteil anzusteuern. Viele von ihnen ließen die Heimat hinter sich, um in der Fremde ein neues Leben zu beginnen. Zwei Schleppdampfer brauchten ihre ganze Kraft um die Villagarcia mit ihren 9 Metern Tiefgang in die stürmische See zu bewegen. Seekrankheit mischte sich mit aller Härte unter die Gefühle von Heimweh bei so manchem der Passagiere. Doch bald beruhigte sich beides, die See wurde stiller und Englands Kreidefelsen und die französische Küste weckten neue Eindrücke. Haifische eskortierten zeitweise den Dampfer und Möwen begleiteten die Auswanderer und andere Passagiere mit ihrem Gekreische. Am 30. Januar legte das Schiff dann im spanischen Hafen Lagoronia an. In seinen Briefen von hoher See schilderte Christian seinen Lieben in der nun schon fernen Heimat die Überfahrt zum anderen Erdteil und ließ seine Familie und Verwandten so an seinen Erlebnissen teilhaben. Acht Ochsen, zwei Rinder und drei Kälber mit rotbrauner Farbe und furchtbar langen Hörnern, berichtet der junge Metzger aus dem Schwabenland, seien aufs Schiff gezogen worden. Dieses Vieh wurde dann so nach und nach auf dem Schiff geschlachtet zur Verpflegung der Passagiere und des Personals. Spanier stiegen dem Schiff nun zu, die wegen ihrer dunkleren Hautfarbe und den „beerschwarzen Haaren“ dem jungen Schwaben schon auffallend erschienen. Die Fahrt ging weiter nach Vigo, wo Christian seinen ersten Brief in die Heimat zur Post brachte. Um Vigo waren sehr viele Segelboote zu sehen, wie die Fischer sie dort benutzten. In einem weiteren Brief, den Christian am 21. Februar 1924 in Santos (Brasilien) begann, schildert er wieder Inseln; die sehr schön bewachsen waren mit Palmen und anderen grünen Pflanzen. In Santos angekommen, verließen 430 Passagiere den Dampfer unter ihnen soll sich ein Verein aus Hagen befunden haben. Zusammen mit Passagieren aus Sulz und Nordheim verließ auch Christian für einen Stadtbummel den Dampfer. In Santos war gerade Karneval, das sagte den jungen Deutschen ein Deutsch-Brasilianer und verwies dabei auf die vielen umherfahrenden Autos mit bunten Bändern. Für den streng evangelisch erzogenen Christian sicherlich neu und ungewohnt. Auf den durchweg schlechten Straßen mit fehlenden Pflastersteinen bewegten sich Esel vor den zweirädrigen Karren. Menschen aller Hautfarben waren in der Stadt und im Hafen zu sehen, die Christian und seine Mitreisenden aus dem Schwabenland immer wieder staunen ließen. Im Hafen angekommen, erfuhren sie auch, dass ein Mitreisender aus Urach ertrunken sei. Es hatte ja auch Haifische in dieser Region. Als das Schiff wieder ablegte mit Kurs auf Rio Grande do Sul, vertrieben sich die Passagiere die Zeit wieder mit Kartenspielen, Briefe schreiben und erzählen. Eine Äquatortaufe fand natürlich auch noch statt, der sich Christian ebenfalls unterzog. Das war eine rußige Angelegenheit, der nach einer Rasur noch viel Wasser mit und ohne Seife folgte, bis auch der letzte Täufling gereinigt den Äquator überqueren durfte. Fünf blinde Passagiere mogelten sich vermutlich in Rio Grande do Sul unter die anderen Passagiere. Als solche erkannt, mussten sie sich auf dem Schiff nützlich machen, um so unentgeltlich nach Buenos Aires zu kommen. Doch zuvor legte das Schiff ein weiteres Mal in Montevideo an. Das Stadtbild Montevideos ließ bei den Ankommenden den Eindruck entstehen, dass hier mehr Wohlstand anzutreffen sei, als in Santos. Die Autos waren neuer als in Santos und als Zugtiere waren jetzt auch neben den besser genährten Eseln auch Pferde zu sehen. Doch erkannte Christian Kipp in dem ihm ordentlich erscheinenden „ Städtchen Montevideo“ auch gleichzeitig die Not der vielen deutschen Arbeitslosen, die kurz zuvor auch ausgewandert sind. Er riet in diesem am 22. Februar geschriebenen Brief jedem, nicht ohne weiteres auszuwandern. Aber trotzdem lobt er das Land, in dem alles wächst, was man sich als Köstlichkeiten denken kann. Palmen von wunderbaren nahezu kunstvoll gehaltenem Wuchs beeindruckten ihn ebenso, wie das Angebot an Lederwaren und köstlichen Früchten. Am 24. Februar dann betrat Christian Kipp erstmal argentinischen Boden in Buenos Aires. Mit diesem Schritt aufs Festland begann auch ein Lebensabschnitt, der wohl mehr mörderisches als romantisches für den jungen Schwaben bedeutete. Am 3. März erreichte er die junge Kolonie Monte Carlo in der Provinz Misiones etwa 1400 Kilometer nördlich von Buenos Aires nahe den Grenzen zu Paraquay und Brasilien, in einem feucht-heißen Klima gelegen. Zwar hat heute diese Gegend touristische Attraktionen wie die Wasserfälle von Iquazu und vieles andere nachzuweisen. Doch damals im Jahre 1924 als der Tourismus noch nicht die heutige Bedeutung hatte, war es für Christian Kipp, der sich im Urwald dieser Region niederließ ein unbeschreiblich hartes Leben. Ohne Geld und ohne Unterkunft, als einfacher „Peon“ wie Menschen dieser Art in Argentinien genannt werden, kämpfte er hart arbeitend und oft ausgebeutet ums Überleben. Während in den Wörterbüchern das Wort „ Peon“ für Tagelöhner und Aushilfsarbeiter steht, übersetzen argentinische Landsleute dieses Wort auch mit „ Pionier“. Christians fleißige unerschrockene Art machte ihn in der Urwaldregion bald zum bekannten Pionier. Im schwäbischen Elternhaus zu Fleiß und Zuverlässigkeit erzogen, setzte Christian seine starken Hände und seinen wachen Verstand ein und gelangte über manche Demütigung auch wieder in seinen gelernten Metzgerberuf. Durch zähen Fleiß und Umsicht erreichte er nach wenigen Jahren die Selbstständigkeit als Metzger mit eigenem Grundbesitz. So konnte er bei der Hochzeit mit seiner deutschstämmigen Ehefrau Gertrud geb. Arntzen dieser schon stolz ein Haus, ein eigenes Geschäft und ein Pferd vorweisen, was ihn als „gute Heiratspartie“ auswies. Ehefrau Gertrud stand ihrem Christian bei allen seinen Vorhaben treu und fleißig zur Seite und war den neun Kindern eine herzensgute Mutter. Es war aber trotz allem beruflichen und existenziellen Glück ein überaus hartes Leben im Urwald am Parana Fluß dieser ersten Siedlergeneration in der argentinischen Provinz Misiones. Da war mit Tieren zu rechnen, wie Spinnen, Schaben, Grillen, die sowohl Kindern als auch Erwachsenen erheblich zusetzten. Überhaupt sollen durch die kleinen Tiere weitaus mehr Siedler und Eingeborene zu Schaden gekommen sein, als durch Große wie etwa Tiger, Silberlöwen, Gavalines (eine lokale große Wildschweinart) und Schlangen.

Zusammen mit anderen Kolonisten, wie die Einwanderer genannt wurden, rodeten auch Gertrud und Christian Kipp Grundstücke um sie mit Tabak, Mais, Bohnen, Mandioka und Erdnüssen zu bebauen. Später wurde auch zögernd Yerba-Mate, das Nationalgetränk Argentiniens angebaut. Auch verschiedene Obstsorten gediehen in dem feucht heißen Klima.

Doch bei allem durch fast übermenschliche Mühe in den heißen Wäldern von Argentinien erlangten Erfolg dachte Christian oft an seine Heimat auf dem Kleinen Heuberg und an sein Elternhaus. Wie gerne hätte er doch seinen Eltern und Geschwistern im Schwabenland noch gezeigt, was er durch seine Unerschrockenheit, Fleiß und fachliches Können sich aufgebaut hat, was ihm in der gesamten Region großes Ansehen einbrachte. So schrieb er im Jahre 1959 beispielsweise nach Hause, wie die Hochzeit eines seiner Kinder (vermutlich Ulrich) gefeiert wurde mit viel Essen und Trinken. Er bedauerte es, dass keines seiner Geschwister seiner Einladung folgte. Doch fehlende Reiselust und mangelnder Wohlstand sprachen damals in Deutschland noch gegen solche großen Unternehmungen.

Er, der mittellos in Argentinien ankam, schaffte es, dass er beispielsweise einem seiner Söhne, eine Metzgerei in Puerto Rico kaufte für dessen Lebensunterhalt. Im Jahre 1954 kam Christian Kipp ein letztes Mal zu Besuch in sein Heimatdorf Bickelsberg. Der Vater war bereits gestorben, aber die Freude seiner Mutter Ernestine war unbeschreiblich groß, als sie ihn kurz vor ihrem Tode noch wieder sehen durfte. Dass er ein reicher Mann geworden ist, spürten seine Geschwister, aber noch mehr deren Kinder, die ihn einfach den „Peso- Onkel“ nannten. Für seinen Urlaub in Deutschland kaufte er sich ein stolzes Auto und die Geschwister und andere Verwandten unternahmen mit ihm etliche Reisen.

Am 10. April 1963 verunglückte der in Misones als „ Don Christian“ bekannte Christian Kipp tödlich, der dort unter schwierigsten Verhältnissen so

ungeheuer viel bewegte.
In einem Nachruf auf den „großen deutschen Mann“, bei dem ein Wort noch ein Wort war, würdigte ihn eine deutschsprachige Zeitung in MonteCarlo. „ Dieser Riese mit dem Kindergemüt brachte Frohsinn und Heiterkeit mit, wohin er kam“ ist dort weiter zu lesen. Im gleichen Nachruf wurde auch seine Großzügigkeit gegenüber weltlichen und kirchlichen Institutionen als deren Förderer gewürdigt. Aber auch so manchem „armen Teufel „ half er schon mal über seine größte Not hinweg durch einen kostenlosen Spiessbraten aus der eigenen Produktion.

Die Verbindungen der Kippschen Verwandtschaft aus Bickelsberg mit den Nachkommen des interessanten Vetters werden bestmöglichst gepflegt auch wenn die Sprachbarriere manchmal sich erschwerend dazwischen schiebt. Fünfzig Jahre nach dem letzten Besuch Christians kam eine Tochter und besuchte die Heimat ihres Vaters. Doch auch Verwandte aus dem Schwabenland waren schon umsorgte Gäste der Nachfahren des Peso Onkels in Argentinien.

 

  

Das Bild zeigt Christian Kipp mit seiner Ehefrau Gertrud geb. Arntzen, nach einem alten Foto.

  

Das Bild zeigt Christians Eltern und Geschwister. Der junge Christian ist oben links zu sehen.

 Ein weiteres Bild zeigt den Peso-Onkel, als er im Jahre 1954 dann ein letztes mal sein Elternhaus in der Bickelsberger Engelgasse verlässt.
 

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