Tante Anna - unsere Bickelsberger Powerfrau Drucken E-Mail
Geschrieben von: Hermine Kipp   
Mittwoch, 30. November 2011 um 18:49 Uhr
In drei Jahrzehnten Kindergartenarbeit eine ganze Generation Bickelsberger Kinder betreut und gefördert

Als am 3. Dezember 1911 dem aus Isingen stammenden Bickelsberger Landwirt Martin Vogt und seiner Ehefrau Agnes geb. Haage als fünftes Kind ihr Mädchen Anna geboren wurde, konnte noch niemand ahnen, daß gerade dieses kleine Bündel Mensch in Bickelsberg auf dem Kleinen Heuberg der Dorfgemeinschaft soviel gutes und förderndes angedeihen lassen wird, daß man auch hundert Jahre später noch rühmend von ihm spricht.

Anna Vogt wuchs in ihrem betont christlich geführten Elternhaus in Bickelsberg heran. Von ihrer Mutter wurde sie zu allen Arbeiten, Fertigkeiten und Pflichten angeleitet, die eine Hausfrau und Mutter in einer Bauernfamilie beherrschen musste. Unweit ihres Elternhauses besuchte sie die Schule und auch den Konfirmandenunterricht. In der Bickelsberger Georgskirche, die sich in der Nähe des Elternhauses befand, wurde sie im Jahr 1926 von Pfarrer Hartmann konfimiert. Vorerst hatte die junge Anna im Elternhaus und in der elterlichen Landwirtschaft ihr Betätigungsfeld. Bald wurde auch die inzwischen im Bickelsberger Pfarrhaus eingezogene Pfarrfamilie Dragendorff auf das fleißige und musisch sehr begabte, christlich erzogene Mädchen aufmerksam. Sie war genau die Richtige für den Pfarrershaushalt und die Betreuung der Kinder. Anna Vogt gehörte bald zur Pfarrersfamilie und zog mit dieser dann auch in die neue Stelle von Pfarrer Dragendorff nach Stuttgart-Plieningen. Dort verbrachte sie auch die Zeit des zweiten Weltkrieges bei der Familie. Nach dem Krieg jedoch kehrte sie wieder heim ins Elternhaus. Ihre Mutter war längst Witwe geworden und von ihren Brüdern war einer im Krieg gefallen und die anderen beiden noch nicht heimgekehrt. Anna wurde fortan die rechte Hand der Mutter. So betrieben die Frauen die heimische Landwirtschaft, die ihnen wenigstens genug zu Essen bot. Ansonsten aber dürfte es ein entbehrungsreiches Leben gewesen sein.

Um das Jahr 1950 kam eine neue große Aufgabe auf die junge Bickelsbergerin Anna Vogt zu. Im Kindergarten wurde eine „neue Tante“ gesucht. Die Wahl fiel auf Anna Vogt. Von da an war sie für die jüngsten Bickelsberger einfach nur die Tante Anna. In dem früheren Waschhäusle an der Kreuzung Albstraße/ Schlattbachstraße/Brunnenstraße hatte man den Raum zu einem Kindergarten gemacht, wie er eben den Anforderungen der Nachkriegsjahre gerecht zu sein hatte. Im benachbarten Pfarrgarten und im Kirchhof unter dem Kastanienbaum durften die Kinder bei günstigem Wetter spielen, aber im Kinderschüle herrschte manchmal bedrückende Enge. Doch die heute zu Großmüttern und Großvätern herangereiften Kinder von damals schwärmen noch heute von ihren glücklichen Jahren bei Tante Anna. Mancher Bickelsberger wagte unter ihrer Obhut die sogar ersten Schritte ins Leben. Die Mütter, deren Ehemänner teilweise krank aus dem Krieg heimkehrten, hatten ein unvorstellbares Arbeitspensum zu erledigen, damit die Familien überhaupt überlebten. So öffnete der Kindergarten schon früh in den Morgenstunden, damit die Mütter rechtzeitig mit der Feldarbeit beginnen konnten. Es kam auch vor, daß man Kinder im Kinderwagen einfach zu den anderen im Kindergarten dazustellte und die Tante bat, dem Kindchen den Schnuller zugeben, wenn es schreit. Nicht selten nahm Tante Anna auch Kinder mit nach Hause, wenn eine Mutter über Mittag nicht vom Feld heimkam, um ihre Kinder am Kindergarten abzuholen. Auch abends war es keine Seltenheit, daß sie mit einem oder mehreren Kindern ins Elternhaus zurückkehrte, wo sie später von Angehörigen abgeholt wurden, wenn sie vom Feld kamen. Manche haben dabei schon auf Tantes Sofa glücklich dem neuen Tag entgegengeträumt. Das tiefe Gottvertrauen und eine heitere Gelassenheit ließen die tapfere Frau ihre großen Aufgaben so bravourös meistern. In der gleichen Zeit wurde auch die Stelle der Organistin frei, weil die bisherige Stelleninhaberin Emma Härter geb. Kopf durch ihre vielfältigen Aufgaben in der Familie mit ihren kleinen Kindern und Landwirtschaft den Organistendienst nicht mehr ausüben konnte. Tante Anna lernte das Orgelspiel und saß sodann Sonntag für Sonntag an der Orgel der Georgskirche. Allein unter fünf Pfarrern in Bickelsberg versah sie den Organistendienst. Viele Jahre davon hatte sie die Stelle der Organistin der Brittheimer Allerheiligenkirche außerdem inne. Immer wieder leitete sie auch bei verschiedenen Anlässen den Bickelsberger Kirchenchor. Als im Jahr 1965 sich der Bickelsberger Kirchenchor mit dem Brittheimer vereinigte, schien die Chorleitertätigkeit für einige Zeit nicht mehr zu ihren vordringlichsten Aufgaben zu gehören. Doch als Sängerin war sie mit ihrer wunderschönen Altstimme sehr willkommen. Doch bald waren immer wieder Chorleiterwechsel zu verzeichnen und immer wieder sprang auch Tante Anna wieder ein. Die Kirchengemeinde war eigentlich ihre Gemeinde, keinesfalls als Frauenrechtlerin oder Quotenfrau. Nein, sie diente dieser ihrer Heimatkirchengemeinde auf mannigfaltige Art und Weise. Auf diese wunderbare Frau aufmerksam geworden war dann auch der Witwer Albert Süßle, den sie im reifen Alter dann ehelichte. Er unterstützte bald das Engagement seiner Frau und als am 2.Advent 1965 der neu erbaute Kindergarten eingeweiht wurde, übernahm Albert Süßle die Reinigungsaufgaben. Quirliges Leben von manchmal über 40 Kindern erfüllte die Räume des neuen Kindergartens am Kindergartenweg. Doch genügsam aufgewachsen meisterte Anna Vogt ihre dort anfallenden Aufgaben ohne weitere Kraft. Neben den anderen Aufgaben in der heimatlichen Kirchengemeinde bot sie immer wieder Bastelabende für die Mütter an. Unvergeßlich sind ihre Strohsterne, die sie stets für den Weihnachtsbaum in der Georgskirche bastelte und von denen noch stets welche gut erhalten in der Weihnachtszeit an ihre Schöpferin erinnern. Längst nachdem sich der Bickelsberger Kirchenchor offiziell mit dem der Nachbargemeinde Brittheim zusammengeschlossen hatte, traten die Bickelsberger Chormitglieder bei kleineren Anlässen innerhalb der Kirchengemeinde unter Leitung von Anna Süßle geb. Vogt auf. Auch beide Chöre leitete sie immer wieder wenn ein Chorleiter ausfiel bis ein neuer wieder gefunden war. Erst in den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts gab Tante Anna ihren geliebten Kindergarten in jüngere Hände und eine bedeutende Ära ging zu Ende. Den Organisten- und Chorleiterdienst übte sie noch bis in die Neunzigerjahre aus. Ihre großartigen Leistungen um die Einwohner von Bickelsberg wurden auch auf „höherer Ebene“ des Landes erkannt und ihr die Landesehrenmedaille verliehen. In Anerkennung ihres über 40 jährigen Organistendienstes überreichte ihr der Bezirkskantor Kirchenmusikdirektor Bauer eine entsprechende Urkunde. Erst als die schwindenden körperlichen Kräfte ihrer Tatkraft ein unfreiwilliges Ende setzten, zog sie sich zurück. Am 26. September 1999, einem Sonntagabend, entschlief die tapfere und gütige Frau, von der heute noch so viele ehemalige Schützlinge und deren Eltern rühmend erzählen.

weihnachtsfeier1976 Urkundenübergabe

Entstand 1976 im Kindergarten in der Weihnachtsfeier

Hier überreicht der Bezirkskantor Bauer die Urkunde für 40 jährigen Organistendienst an Frau Anna Süßle geb. Vogt im Rahmen eines Festgottesdienstes in der Bickelsberger Kirche

ehrung tante
Für das offizielle Foto stellten sich v.l. der damalige Pfarrer Roland Bühler, Jubilarin Anna Süßle geb. Vogt und der damalige Rosenfelder Bürgermeister Manfred Haasis
 

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